Therapie wider Willen? Arzneimittelrückstände in der Umwelt

Die Deutschen benutzen immer mehr und unterschiedliche Medikamente. Doch nicht nur allein die Verbrauchsmenge wächst, sondern zudem die Anzahl der Wirkstoffe. Laut Umweltbundesamt (2019) werden in der Humanmedizin in Deutschland pro Jahr über 8.000 Tonnen potenziell für die Umwelt relevante Arzneimittel-Wirkstoffe verwendet, die insgesamt etwa 1.500 verschiedene Wirkstoffe repräsentieren.

Die am häufigsten verschriebenen Arzneimittel sind Psychotherapeutika, Entzündungshemmer sowie Asthma-Mittel. Mit Blick auf die demographische Entwicklung ist sogar von einer weiteren und zwar deutlichen Zunahme auszugehen, denn ältere Menschen nehmen tendenziell mehr Medikamente. Nach Schätzungen des Bund Deutscher Energie- und Wasserversorger (BDEW) dürfte der Verbrauch an Arzneimitteln bis zum Jahr 2045 in der Humanmedizin um etwa 70 Prozent steigen.

Die biologische Reinigung in Kläranlagen lassen sich biologisch gut abbaubare Substanzen zwar entfernen. Auf den Abbau der in Arzneien häufig eingesetzten polaren und persistenten, also der biologisch stabilen Verbindungen sind die meisten Klärwerke in Deutschland aber noch nicht eingestellt und so gelangen Rückstände in Flüsse und Seen. Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) stellte fest, dass man nahezu deutschlandweit in Fließgewässern, aber auch in Boden- und Grundwasserproben Rückstände von Arzneimitteln findet. Etwa 150 Wirkstoffe konnte man bislang identifizieren. Der Eintrag erfolgt durch Ausscheidung (über die Toilette) oder Abwaschen von Salben und Cremes. D. h selbst bei bestimmungsgemäßem Verbrauch lässt sich ein Austrag von Arzneimitteln in die Umwelt kaum vermeiden. Viele Stoffe werden vom menschlichen Körper unverändert wieder ausgeschieden. Ein nicht unerhebliches Problem ist allerdings auch eine unsachgemäße Entsorgung nicht eingenommener Arzneimittel über die Toilette oder Spüle. Auch Einleitungen bei der Herstellung von Arzneimitteln kommen vor und belasten unsere Umwelt.

Arzneimittelwirkstoffe können ganze Ökosysteme verändern. Gelangen sie über die Kläranlagen in Gewässer können sie die dort lebenden Tierarten schädigen. So gibt es Fischarten, bei denen das Geschlecht nicht von vornherein festgelegt ist. Es wird von Umweltfaktoren bestimmt. Wenn nun Stoffe der "Pille" in Gewässer gelangen, kann es zur Verweiblichung ganzer Fischpopulationen kommen. Kanadische Wissenschaftler haben in einem Versuch einen See mit Östrogenen versetzt. Daraufhin brach die ganze Fischpopulation zusammen, weil die Männchen fehlten. Letztlich aber ist aufgrund der unterschiedlichen therapeutischen Anwendungsbereiche keine einheitliche Wirkungsweise von Arzneimittelwirkstoffen auf Gewässerlebewesen zu erwarten. Allerdings können durch die Vielzahl der verwendeten Arzneimittel, ihre kombinatorische Wirkung und den Effekt weiterer Umweltfaktoren Arzneimittel schon in äußerst geringen Konzentrationen Umweltfolgen nach sich ziehen. In Schleswig-Holstein zählt ein Großteil der Landesfläche zum Einzugsgebiet von Nord- und Ostsee. Das bedeutet, dass hier von 2,9 Millionen Einwohnern und zahlreichen Touristen erzeugten Arzneimittelrückständen über Gräben und Bäche schließlich auch im Meer landen. Wieviel das tatsächlich ist, kann nur grob anhand von landesweiten Daten über Verkaufszahlen geschätzt werden.

Eine sogenannte vierte Reinigungsstufe in den Klärwerken - mit Ozonierung und/ oder Adsorption von Stoffen an Aktivkohle - könnte in vielen Fällen Medikamentenrückstände aus dem Abwasser entfernen. Diese ist in Ballungsgebieten bereits in Planung oder schon in Betrieb. Doch nur jede 200ste Kläranlage hat eines der beiden Verfahren in Planung. Das hängt damit zusammen, dass Kläranlagen Ländersache sind. Bislang gibt es hierfür keine einheitliche bundesweite Strategie. Eine vierte Reinigungsstufe ist erheblichen Investitionen für Kommunen verbunden. Über deren Finanzierung wird noch gestritten. In der Schweiz hingegen sind die größten Anlagen bereits nachgerüstet. So können 80 Prozent der Wirkstoffe eliminiert werden.

 

Arzneimittelrückstände lassen sich auch an den Küsten von Nord- und Ostsee nachweisen.