AgriPV

Solarenergie auf landwirtschaftlich genutzten Flächen?

Wer profitiert, wer verliert?

Abschließend wollen wir diese Frage erst nach unserer Zoom-Veranstaltung am 2. Juni 2021 beantworten. Fest steht, Solarstrom ist ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu mehr Klimaschutz. Photovoltaikanlagen allerdings, die nicht auf Dachflächen installiert werden, benötigen große freie Flächen - die aber sind knapp. In ländlich geprägten Gegenden entsteht so unausweichlich eine Konkurrenzsituation, die nicht selten ein erhebliches Konfliktpotential mit sich bringt. Landwirte befürchten drastisch emporschnellende Pachtpreise und damit das Aus für bäuerlich geprägte Höfe. Anwohner befürchten ein industriell anmutendes Landschaftsbild, Kommunen negative Auswirkungen auf den Tourismus, Umweltverbände eine Einschränkung der Erzeugung von Nahrungsmitteln aus heimischer Produktion, vor allem aber eine Intensivierung des Anbaus auf den verbleibenden Flächen und einen weiteren Verlust an biologischer Vielfalt. Welcher Landwirt baute Futtermittel für seine Milchkühe noch selbst an, wenn die Erträge der Solarenergieerzeugung ein Vielfaches betragen würden, Soja-Importe z. B. würden Standard.

 

 

Hier grasen Kühe zwischen den Solar-Modulen, Foto: Next2Sun GmbH

 

Was ist neu an AgriPV?

Seit einigen Jahren wird nun daran geforscht, wie Photovoltaik und Landbewirtschaftung sich sinnvoll kombinieren lassen. Erste Studienergebnisse klingen vielversprechend: Unter bestimmten Bedingungen steigen die Erträge und auch die biologische Vielfalt profitiert, heißt es. Neue regulierbare Photovoltaik-Module sorgen für planbaren Schatten auf dem Feld, so verdunstet weniger Wasser, das ist gut für das Pflanzenwachstum. Bei den auch im Echten Norden zukünftig wohl häufiger auftretenden Dürresommern könnten durch die Beschattung Wasser gespart und ggf. Ernten gerettet werden. Eine gezielte Teilverschattung von Anbauflächen eröffnete zudem den Anbau von landwirtschaftlichen Kulturen, die aufgrund hoher Sonneneinstrahlung sonst nicht (mehr) wirtschaftlich wären, heißt es in ersten Erfahrungsberichten aus Testanlagen. Durch Erosion geschädigte Böden könnten mit neuen Bewirtschaftungsmethoden nach und nach wieder genutzt werden. Und neuartige Module böten Schutz vor Wetterextremen wie Starkregen oder Hagel.  Ein anderer Pluspunkt für Solarmodule könnte eine Vermeidung von im Gemüseanbau anfallendem Plastikmüll sein. Die herkömmlichen Folienschutztunnel, so beim Spargelanbau, die regelmäßig abgespannt und früher oder später entsorgt werden müssen, ließen sich gänzlich einsparen. Dank der Langlebigkeit der Solarmodule würden erhebliche Abfallmengen entfallen und zudem Arbeits- und Investitionskosten eingespart.


AgriPV für biologische Vielfalt?

Solarparks auf dem Feld, so eine der Visionen, böten bei gut durchdachter Konzeption sogar ein gewaltiges Potential für die Artenvielfalt, nämlich wenn sie dort entstehen, wo bisher intensiver Ackerbau betrieben wird. Man denke an die eigens für Biogasanlagen geschaffenen „Maiswüsten" - Entsorgungsgebiete für Gülle - in Schleswig-Holstein immerhin weit über 100.000 Hektar und der wesentliche Grund, warum europäische Gewässerschutzvorgaben wie die EG-Wasserrahmenrichtlinie in Schleswig-Holstein nicht eingehalten werden. Stattdessen könnten rundum begrünte Photovoltaik-Anlagen, genannt "Biodiversitäts-Solarparks", ein Gewinn für Flora und Fauna sein, denn unter und um die Solarmodule wächst und blüht es - für Insekten, Kriechtiere und auch für Schafe ein Paradies. Den Vordenkern unter den Agrarwissenschaftlern schweben sogar Biodiv-Verbundsysteme vor, die sich länderübergreifend durch die gesamte Intensiv-Agrarlandschaft ziehen.


AgriPV – wo stehen wir?

Bislang sind Lebensmittelerzeugung und Energiegewinnung auf demselben Feld reine Zukunftsmusik, denn es gibt nur Pilotanlagen, vor allem in Süd- und Ostdeutschland. Das aber könnte sich bald ändern, denn Agri-Projekte scheinen prädestiniert, dezentral von Landwirten, Kommunen sowie klein- und mittelständischen Unternehmen getragen zu werden. Für Stadtwerke könnten daraus geradezu „Leuchtturmprojekte“ werden. Und so rechnet die Solar-Branche für die kommenden Jahre bereits mit einem Boom, nicht zuletzt weil viele Projekte wegen gesunkener Preise für Module bald ganz ohne Förderung auskommen. Damit kämen grundsätzlich alle landwirtschaftlichen Flächen in Schleswig-Holstein für Freiflächen-Photovoltaik in Frage. Diese Einkommensperspektive dürfte das Interesse vieler landwirtschaftlicher Betriebe wecken und den ländlichen Raum vor ganz neue Herausforderungen stellen - höchste Zeit also, dass wir uns im ländlich geprägten Schleswig-Holstein rechtzeitig mit diesem Thema auseinandersetzen. Es gilt, Chancen und Risiken abzuwägen und mögliche Fehlentwicklungen wie bei den Agrargasanlagen mit Maisanbau und eine weitere Industrialisierung der Landwirtschaft zu verhindern. Auch sind die sozialen Folgen zu berücksichtigen, damit nicht das nächste „Geschäftsmodell“ für große Kapitalanlagegesellschaften entsteht.

 

Mäharbeiten zwischen den Modulen, Foto: Next2Sun GmbH

Vogelperspektive auf Photovoltaik-Modulreihen, Foto: Next2Sun GmbH

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Dr. Ina Walenda
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